Laborjournal 2020-5

| 5/2020 22 Serie SARS-CoV-2 beschert der Wissenschaft der- zeit den wohl größten Auftritt ihrer tausend- jährigen Geschichte. Nicht nur erklärt sie bis ins letzte molekulare Detail einen Vorgang, den man vor noch nicht allzu langer Zeit als Strafe Gottes für die Sünden des Menschen gehalten hätte. Sie macht überdies, obzwar noch mit gehöriger Ungenauigkeit, Vorher- sagen über das, was geschehen könnte. Sie schafft Evidenz für dieWirksamkeit von Maß- nahmen zur Eindämmung der Epidemie. Und natürlich am wichtigsten: Sie entwickelt mit HochdruckTherapien für Erkrankte sowie Imp- fungen, die uns künftig vor demVirus schüt- zen sollen. Die Wissenschaft wird somit die Grundlage liefern, um uns gegen die nächs- te Pandemie zu rüsten. Die Politik, die unter immensemZeitdruck, mit marginaler Expertise sowie auf Basis noch recht schwacher und sich ständigwandelnder Evidenz Entscheidungen treffenmuss, hat dies erkannt – und ist so wissenschaftshörig wie noch nie. Häufig betonenWissenschaftler der- zeit‚ doch„nurWissenschaftler zu sein“ und die Politik „nur zu beraten“. De facto ist das aber nur die halbe Wahrheit, da die Politiker den Rat einzelner Wissenschaftler mehr oder we- niger ad hoc und eins zu eins in Maßnahmen umsetzen, die entweder immenses Leid und Schaden verhindern – oder auch beides erzeu- gen könnten. DieWissenschaft ist aus dem El- fenbeinturm herabgestiegen, und schon la- stet eine schwere Verantwortung auf ihr und ein paar wenigen ihrer Vertreter. Wie unter einem Brennglas optisch ver- größert und durch eine Zeitmaschine kompri- miert, exponiert das Virus dabei zugleich gna- denlos die Schwächen und Stärken des gegen- wärtigenWissenschaftssystems. SARS-CoV-2 ist dabei, eine Vielzahl von Veränderungen zu katalysieren in der Art undWeise, wie wirWis- senschaft machen. Was plötzlich in den Fokus gerät, wird bereits seit etwa einem Jahrzehnt mit wachsender Intensität von den verschie- densten Stakeholdern diskutiert – und man- ches davon auch schon zaghaft implementiert. DerWissenschaftsnarr hatte in der Vergangen- heit hier schon einiges davon aufgegriffen. Aber jetzt passiert alles auf einen Schlag. Preprint -Server werden plötzlich zum ent- scheidenden Kommunikationsportal derWis- senschaft. Peer Review ? Dauert viel zu lange, und hält dieWissenschaftler von der Arbeit ab – sie müssen doch forschen! Open Data , also die unmittelbare Bereitstellung von Original- daten? Na klar – die anderen Wissenschaft- ler sollen ja nicht nur bereits gemachte Ver- suche und Analysen nachvollziehen können, sondern durch die Daten anderer schneller in ihrer eigenen Arbeit vorankommen. Weiterhin geschehen Publikation vonMa- nuskripten und Offenlegung von Daten nun häufig unter bewusster Aufgabe von Ansprü- chen auf Verwertung in Form von Patentan- meldungen. Schließlich würde das nicht nur zeitlichenVerzug bedeuten, sondern auch den Ausschluss anderer vonmöglicherweise wich- tigemWissen. Geht gerade gar nicht! Man kollaboriert wie noch nie: Gruppen, die sich vor kurzemnoch aus Furcht, überholt zuwerden, geradezuparanoid voreinander ab- geschottet hatten, tauschen nun Protokolle, Reagenzien und Ergebnisse aus. Die Resultate der Forschung verschwinden auch nichtmehr hinter Bezahlschranken. Coro- na-Publikationen sind fast immer Open Access – sogar in Journalen, die sichmit diesem Prin- zip bisher noch nicht anfreunden konnten. Regulatorische Behörden, in denen For- schungsanträge traditionell viele Monate auf Bearbeitungwartenmussten, genehmigen Ex- perimente und Studien nun innerhalb vonTa- gen. Das Bundesforschungsministerium stellt über Nacht 150 Millionen Euro für eine Ver- netzung der universitätsmedizinischen For- schung in Deutschland zur Verfügung – Mit- tel, die vermutlich ebenfalls nicht über kon- ventionelle und langwierige Antragsverfah- ren vergeben werden. Das alles ist so noch nie dagewesen. Es hat fast etwas Rauschhaftes. Zugleich läuft dieWissenschaftskommuni- kation auf Hochtouren, wird beachtet von al- len Bevölkerungsgruppen und erobert bisher wenig genutzte Formate. Allen voran der„Co- rona-Podcast“ des NDRmit Christian Drosten. Wann gab es das schon, dass Hunderttausen- de überWochen täglich demMoment entge- genfiebern, an dem einWissenschaftler eine halbe Stunde lang die Prinzipien der PCR, die Komplexitäten des angeborenen und adap- tiven Immunsystems sowie infektionsepide- miologische Propädeutik wie Basisreproduk- tionszahl R0 und Serienlänge erklärt? Und auch dabei wird ganz Prinzipielles über Wissenschaft kommuniziert: Dass sie immer etwas Unfertiges sein muss, dass ihre Ergebnisse von heute immer diejenigen von gestern über den Haufen werfen können. Das Ganze dann noch garniert mit praktischem Ratschlag für die Zukunft, wenn Lokale wie- der offen haben: Das Bier dann besser aus der Flasche trinken – wegen der Viren! Und die Anti-Vaxxer ? Sind ganz schweig- samgeworden – und hoffen auf eine Impfung. Wir Wissenschaftler haben währenddes- sen täglicheVideokonferenzenmit Kollegen – mit Zoom, Teams, GoToMeeting, Skype. Bis vor kurzem noch gefürchtet, weil man aufgrund schlechter Audioqualität wenigmitkriegte und kaum vernünftig diskutieren konnte, da ent- Wird das Virus die Wissenschaft verändern? Einsichten eines Wissenschaftsnarren (29) Die Corona-Krise könnte eine neue Art katalysieren, wie wir künftig Wissenschaft machen werden. Aller- dings müssen wir noch daran arbei- ten, tolle Ideen in praktikable Forma- te zu überführen. »Gnadenlos exponiert das Virus die Schwächen und Stärken des Wissenschaftssystems.« »Das Virus zwingt einen, sich besser in die Technik der diversen Plattformen einzudenken.«

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