Laborjournal 2020-9

| 9/2020 22 Serie „Translation“ – von der Maus zum Mensch und zurück. Oh, du Mantra und ewig blaue Blume der Universitätsmedizin! Klar, wo gibt es das schon unter einemDach: Biomedizini­ sche Grundlagenforschung und klinische For­ schung, die dafür nötigen Studienpatienten, einen staatlichen Auftrag inklusive Finanzie­ rung – sowie motiviertes und dafür exzellent ausgebildetes Personal. Zwar ist Translation prinzipiell so alt wie die akademische Medi­ zin, nur wurde der Begriff dafür erst in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ge­ prägt und ziert seither dieWebsites und Mis- sion Statements sämtlicher Unikliniken – und zwar weltweit. Im Blick zurück ist Translation ganz sicher ein Erfolgsmodell –man denke nur an Antibio­ tika, Epilepsiebehandlung, moderne Tumor­ therapie, HIV-Therapie. Doch nicht nur ewige Mäkler wie der Wissenschaftsnarr – nein, so­ gar die DFG und der Wissenschaftsrat bekla­ gen seit geraumer Zeit, dass es nicht mehr so rund läuft mit der Translation. Allerlei poeti­ scheMetaphernwerden dazu bemüht, wie der „Translational Roadblock“ , oder gar das trans­ lationale„Tal des Todes“. Auf vielen Feldern der Medizin geht es nämlich trotz massivem internationalen For­ schungseinsatz nicht mehr so recht vorwärts. Inmeinem Fach, der Schlaganfallmedizin, for­ schen wir etwa seit Jahrzehntenmit Begeiste­ rung an pathophysiologischen Grundlagen, schreiben tolle Paper und werden dadurch mit ein bisschen Glück auch verbeamtet – bei Schlaganfall-Patienten ist von alledem bisher jedoch überhaupt nichts angekommen! Ist der Schlaganfall womöglich eine Ausnahme, und die Schlaganfallforscher vielleicht einfach un­ fähig? Was ist dann aber mit den Alzheimer- Forschern? Wo bleiben die so lange verspro­ chenen, im Tiermodell so effektiven Stamm­ zelltherapien?Wo die wundersamen Behand­ lungen, die sich aus der Entschlüsselung des menschlichen Genoms ergeben sollten? Wer sich noch nicht vollends in den schüt­ zenden Kokon der Universitätsmedizin einge­ sponnen hat und deshalb den eigenen Erfolg ausschließlich an der Höhe der eingeworbe­ nen Drittmittel oder dem Impact Factor von Publikationen misst, kann da schon ins Grü­ beln kommen. Wie erfolgreich sind wir in der Translation, gemessen an den eingesetzten Ressourcen und unseren eigenen Verspre­ chungen?... Nicht nur, aber auch wegen solcher Ge­ danken wird schon länger nach den Ursachen für die enttäuschende Bilanz translationaler Forschung gesucht. Und man ist fündig ge­ worden. Vermeintlich liegt es am„Tal des To­ des“, das es lebendig zu durchqueren gilt, so­ wie am fehlenden Mindset der beteiligtenWis­ senschaftler und Kliniker – womit deren inne­ re Einstellung gemeint ist. Aber schon die Metapher vom„Tal des To­ des“ führt uns auf die falsche Fährte. Es sugge­ riert zwei Antipoden: Hier die Grundlagenfor­ schung, dort die klinische Forschung, in bei­ den läuft es ganz prima – aber die unwirtlichen Bedingungen dazwischen sind das Problem. Aus diesem Bild leiten sich dann die gän­ gigen Strategien zur Verbesserung der Erfolgs­ rate des Translationsprozesses ab: Man müs­ se die Forscher und Kliniker an die Hand neh­ men und ihnen erklären, wie sie es richtigma­ chen sollen. Immer schön an die Patienten denken, wenn man Krankheitsmechanismen experimentell untersucht – oder an dieMäuse, wenn man Menschen behandelt. Man müsse also nur für das richtige Mindset sorgen. Und dann seien den so Aufgeklärten nur noch ein paar Infrastrukturen zur Seite zu stellen, die sie dabei unterstützen. So jedenfalls sieht das die DFG in ihren kürzlich veröffentlichten „Emp­ fehlungen zur Förderung translationaler For­ schung in der Universitätsmedizin“. Ich fürchte jedoch, so einfach ist das nicht. Vielmehr noch verpasst man mit diesem An­ satz womöglich gar die wichtigsten Ursachen für die enttäuschende Bilanz von Translation. Und das wäre tragisch, denn einige davon sind eigentlich recht leicht zu beseitigen. Die vielleicht trivialste Hürde ist natürlich die unglaubliche Komplexität der Biologie. Pa­ radoxerweise entfernt man sich mit zuneh­ mendemVerständnis eines Krankheitsmecha­ nismus oftmals weiter von einer potenziellen Therapie, als ihr näher zu kommen. Eingriffe in Signalweg A, die den erwünschten Effekt haben, führen oft zu schädlichen Effekten im Signalweg B.Was aber hilft gegen solche Kom­ plexität? Natürlich nochmehr Forschung, und zwar meist sehr grundlagenmäßige. Mit der Komplexität zusammenhängend und ebenso unangenehm ist das Phänomen der„niedrig hängenden Früchte“, diewir schon gepflückt haben. Die wenigen Krankheitsme­ chanismen, die einfach und nebenwirkungs­ arm therapierbar sind, haben wir bereits be­ herrschbar gemacht – beispielsweise mit Pe­ nicillin, Insulin, Dopamin, Beta-Blockern, Pro­ tonenpumpen-Blockern oder Cyclooxyge­ nase-Hemmern (wenn auch selbst da noch Von Maus zu Mensch durch das Tal des Todes Einsichten eines Wissenschaftsnarren (31) »Auf vielen Feldern der Medizin geht es trotz großem Forschungs- einsatz nicht mehr vorwärts.« Die Translation von Ergebnissen der Grundlagenforschung in die klini- sche Anwendung klappt nicht be- sonders gut. Dabei ließen sich einige schwache Glieder der Translations- kette sehr leicht ersetzen. Dumm nur, dass die neuen Glieder leider nicht so recht in unser akademisches Kar- riere- und Fördersystem passen wür- den. »Und steht die Story dann erstmal, heißt die Devise: Take the paper and run! «

RkJQdWJsaXNoZXIy Nzk1Nzg=