Laborjournal 2020-9

| 9/2020 8 Nachrichten Fokussiert Inkubiert Proteste gegen Genome-Editing -Ausschreibungsstopp Um des lieben Parteifriedens willen Bevor die Gelder eines bewilligten Förder- antrags fließen, muss man einen gewissen Regelkatalog unterschreiben – unter anderem mit dem Ziel, dass man ja kein Schindluder mit den Fördermitteln treibe. Einige dieser Regeln können in der Praxis jedoch leicht zu gewissen Absurditäten führen... Ein besonders markantes Beispiel hierfür zitieren drei US-Forscher in ihrer Umfragestudie mit dem Titel „ Normal Misbehavior: Scientists Talk About the Ethics of Research “ ( J. Empir. Res. Hum. Res. Ethics 1(1): 43-50 ). Einer der Befragten berich- tete demnach – sinngemäß übersetzt – Folgendes: „Sagen wir, mir wurden zwei verschie- dene Förderanträge bewilligt. Nach den Regeln der Förderer muss ich jetzt zwei Flaschen der gleichen Chemikalie kaufen, weil ich etwas, das ich mit Geldern des einen Grants angeschafft habe, nicht für Projekte verwenden darf, die von einem anderen Geldgeber gefördert werden. Spinnen wir das jetzt mal weiter. Wenn ich also Grants von fünf verschiedenen Förderern habe, muss ich theoretisch auch fünf Flaschen der gleichen Chemi- kalie kaufen. Dabei muss ich jedes Mal unterschreiben, dass der für die Flasche aufgewendete Betrag jeweils aus dem Topf mit denjenigen Mitteln stammt, die genau für dieses Projekt bewilligt wurden. Womit ich gleichsam umgekehrt bestätige, dass ich das Zeug auch ausschließlich für dieses eine Projekt kaufe und nur darin einsetze... Natürlich mache ich das aber nicht so, sondern benutze ein und dieselbe Flasche durch die Bank in allen Projekten. Wäre ja auch völlig verrückt, für jedes einzelne Projekt jeweils ein eigenes Set an Standard-Chemikalien wie etwa NaCl oder Agarose anzuschaffen...“ Natürlich steht diese Regel irgendwo unter vielen, die allesamt dazu dienen sollen, potenziellem Missbrauch von Förd- ergeldern vorzubeugen. Was ja tatsächlich ein gerechtfertigtes Ziel ist. Wenn die Einhaltung dieser Regeln allerdings in der Praxis wiederholt zu derart abstrusen Si- tuationen führt, wie hier geschildert, dann dürfte man – quasi als Kollateralschaden – wohl auch noch etwas anderes erreichen: Dass die Betroffenen sich stets überlegen, wie sie sich um solche Regeln herummo- geln können. Und irgendwie kann man ihnen das nicht mal groß zum Vorwurf machen. Ralf Neumann Baden-Württembergs Ministerpräsident Win- fried Kretschmann hat ein fünf Millionen Euro schweres Forschungsprogrammmit demTitel „ Genome Editing – mit Biotechnologie zu einer nachhaltigen Landwirtschaft“ gestoppt. Die- ses war zuvor von seiner Wissenschaftsminis- terin und Grünen-ParteifreundinTheresia Bau- er ausgeschrieben worden. Die potenziell Betroffenen erfuhren davon erst durch einen Bericht in der Stuttgarter Zei- tung . So schreibt es jedenfalls das unabhängi- ge Netzwerk„Progressive Agrarwende“. Dieses hatte Kretschmann umgehendmit demProtest von über hundert Wissenschaftlern aus ganz Deutschland und darüber hinaus konfrontiert. Indemoffenen Brief heißt es:„Die Entscheidung hat uns irritiert und besorgt. Sie schadet sowohl demWissenschaftsstandort Baden-Württem- berg als auch Deutschland massiv.“ Für eine nachhaltige Landwirtschaft [...] sei es essentiell, evidenzbasierte Lösungsstrate- gien zu entwickeln, schreiben die Initiatoren weiter. Daher sei es „unbedingt notwendig, die Forschung über Genome Editing zuzulas- sen, damit Potentiale und Risiken differenziert abgeschätzt werden können.“ Schließlich hät- ten „mehr als 1200 Freisetzungsversuche mit transgenen Pflanzen, die bis 2012 an über 300 Orten in Deutschland durchgeführt wurden, gezeigt, dass die gesetzlichen Vorgaben eine sichere Versuchsdurchführung gewährleisten und auchbei diesen, mit klassischer Gentechnik erzeugten Pflanzen, keine Gefahr für Mensch und Umwelt besteht.“ Gerade jetzt seien aber „neue gentechnische Verfahren wie CRISPR/ Cas9 nicht nur enormwichtig für die Forschung, sondern können auch ein wichtiger Baustein für eine zukunftsfähigere Landwirtschaft sein.“ Die klare Forderung der Unterzeichner: „Wir plädieren deshalb dafür, das geplante For- schungsprogrammauszuschreiben, um in des- sen Rahmenweitere Erkenntnisse über Potenti- ale undmögliche Risikender neuenZüchtungs- methoden zu gewinnen. Nur darauf kann eine sachliche und konstruktive Debatte basieren, die Chancen und Risiken im Sinne einer nach- haltigen, produktiven Landwirtschaft abwägt.“ Doch das war nicht der einzige Protest. Zeitgleich erschien ein zweiter offener Brief, den Karl Schmid, Pflanzenforscher an der Uni- versität Hohenheim, koordinierte – und denmit ihm acht weitere Professoren aus baden-wür- tembergischen Forschungseinrichtungen un- terschrieben. Darin argumentieren sie ähnlich wie die „Progressive Agrarwende,“ werden zugleich aber persönlicher: „Als Forschende an ba- den-württembergischen Forschungseinrichtun- gen imBereich der Pflanzenwissenschaften ha- ben wir den Dialog, den Frau Bauer bereits seit einiger Zeit mitWissenschaftlern unterschied- lichster Richtungen führt, sehr begrüßt. Die Ein- richtung des Forschungsprogramms erschien uns als logische Konsequenz dieses Dialogs.“ Und an Kretschmann gerichtet: „In Ihren Re- den und Ansprachen haben Sie wiederholt zu mutigen Entscheidungen im Hinblick auf die großen Herausforderungen unserer Zeit auf- gerufen. Die Entscheidung des MWKs [Ministe- rium fürWissenschaft, Forschung und Kunst] un- ter Ministerin Bauer, ein Forschungsprogramm zum Genome Editing aufzulegen, war eine sol- che mutige und zukunftsorientierte Entschei- dung. Wir bitten Sie deshalb, sich für eine Klä- rung der impolitischen Bereich aufgeworfenen Fragen zum Genome Editing einzusetzen, um in naher Zukunft eine erneute Ausschreibung dieses Forschungsprogramms zu ermöglichen.“ Und Kretschmann selbst? Der diktierte der Stuttgarter Zeitung , dass„Forschung zwar not- wendig [sei] , umdie Chancen und Risiken neu- er Verfahren kennenzulernen“, ließ aber gleich- zeitig durchblicken, dass die innerparteilichen Kontroversen der Grünen um den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft das Haupt- motiv für sein Einschreiten war. Diesen Kon- flikt könne man nicht so schnell lösen, zitiert ihn die Stuttgarter Zeitung . Und deshalb habe er mit der Ministerin besprochen, dass sie die- ses Forschungsvorhaben auf Eis legt . Wird hier ernsthaft potenzieller wissen- schaftlicher Fortschritt zum Bauernopfer für die Konflikt-Befriedung einer Landespartei? Ralf Neumann Macht sich gerade unbeliebt bei Pflanzen- forschern: Winfried Kretschmann Foto: Grüne BW

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