Laborjournal 2020-10

| 10/2020 30 SERIE Wir alle kennen das: Nach langemWarten und steigender Anspannung trifft endlich eine Ant- wort des Journals ein. Mit zittrigem Klick öff- net man die E-Mail und liest dort, dass man es sich nicht leicht gemacht habe. Aber an- gesichts der substantiellen Kritik der Revie- wer sehe man sich nicht in der Lage, den Ar- tikel zu veröffentlichen. Dies dürfe man bit- te nicht als prinzipielles Urteil über die darin enthalteneWissenschaft verstehen, aber man erhalte zu viele Manuskripte und müsse des- halb priorisieren. Man wünscht weiterhin fro- hes Forschen und hofft, dass man dem Jour- nal gewogen bleibe! Nach dem ersten Schock dann ein Blick auf die Reviews im Anhang. Reviewer 1 fand die Arbeit wohl ganz gut – hier eine kleine Beanstandung, dort ein paar wohlmeinende Vorschläge. Aber Reviewer 2! Hat er den Arti- kel denn überhaupt gelesen?War es vielleicht eine andere Arbeit, und er hat die Reviews ver- wechselt? In jedem Fall hatte der oder die Un- bekannte überhaupt keine Ahnung – und er- dreistete sich dennoch, mehrere Seiten lang Gülle über drei Jahre unserer hartenArbeit und deren hochrelevante Resultate zu schütten. Andererseits haben wir auch dies schon erlebt: Durchaus harte, aber konstruktive Kri- tik von Reviewern , da sie tatsächlich die eine oder andere Problemstelle identifiziert hatten, die man selbst übersehen hatte oder nicht wahrhaben wollte. Und dann gute Hinwei- se gaben, wie man nach ein paar zusätzli- chen Experimenten und einer textlichen Re- vision einen viel besseren Artikel daraus ma- chen könnte! Wir alle haben also vermutlich recht ge- mischte Erfahrungenmit dem Peer Review , ak- zeptieren ihn aber dennoch klaglos de facto als Eintrittspforte zu jeglicher wissenschaftli- chenVeröffentlichung, die unser Ansehen un- ter Kollegen steigert oder uns gar einer Ent- fristung oder Professur näherbringt. Zwar ist sich die Mehrzahl derWissenschaftler der vie- len Schwächen des Peer-Review -Systems be- wusst. Aber wer sich vonWissenschaft ernäh- ren will, muss damit leben. Und konzentriert sich daher lieber auf die Experimente und das Schreiben der Paper als auf vertiefte Reflexi- onen zu möglichen Alternativen der wissen- schaftlichen Qualitätskontrolle. DochHand aufs Herz:Würden Sie dieOpti- on „Send out for Review“ wählen, wenn Sie bei Einreichung Ihres Papers auch „Publish immedi- ately“ ankreuzen könnten? Momentan kommt jedenfalls tatsächlich etwas Bewegung in die Diskussion. Denn in gewisserWeise bieten die derzeit so populären Preprints genau dieseOp- tion. Corona und die damit verbundeneVolks- undWissenschaftler-Aufklärungskampagne in Sachen „Wie funktioniert eigentlich Wissen- schaft“ hat das Publizieren ohne Review -Pro- zess nicht nur den Corona-Forschern, sondern allenWissenschaftlern und sogar Laien nahe- gebracht. Und die Frage, ob der Peer Review notwendig, überflüssig oder sogar schädlich ist, kam damit erstmals so richtig aufs Tablett. Weil es an dieser Stelle schon häufigerThe- ma war und weil es letztlich auch im (Unter-) Bewusstsein fast aller Akteure innerhalb des Systems präsent ist, hier nur noch einmal ei- ne kurze und unvollständige Auflistung der Schwächen des Peer Reviews : » Bei Manuskripteinreichung ist das Kind bereits potenziell in den Brunnen gefallen, die Studie nämlich schon durchgeführt, substanti- elle Verbesserungsvorschläge kommenmeist zu spät. » Peer Review verlängert die Zeit, bis neue Erkenntnisse auf den Markt kommen. » Er fördert Mainstream-Forschung. » Er ist völlig intransparent und fördert damit Seilschaften oder Vendettas. » Er begünstigt Ideenklau. » Seine Ergebnisse sindnicht reproduzier- bar, seine Qualität erratisch. Egal wie schlecht eine Arbeit ist, nach multiplen Einreichungen bei einer Vielzahl von Journalen mit abstei- gender Reputation (= Impact Factor) wird sie dennoch publiziert. » Er verhindert Wissenschaftsbetrug nicht. » Er frisst immense Ressourcen: Unsere eigenen wegen mehrmaligen Überarbeitens Der Peer Review ist tot, lang lebe der Peer Review ! Einsichten eines Wissenschaftsnarren (32) »Die Frage, ob Peer Review not- wendig, überflüssig oder schäd- lich ist, kommt jetzt aufs Tablett.« Der Peer-Review -Prozess ist kaum noch zeitgemäß, keine Frage. Nicht zuletzt deshalb findet insbesonde- re die Qualitätskontrolle von COVID- 19- Preprints gerade verstärkt in so- zialen Medien statt. Für eine echte Reform des Peer Review müssen wir Wissenschaftler indes auch bei uns selbst Dinge verändern. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen.

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