Laborjournal 2020-11

| 11/2020 22 Serie Trotz mittlerweile wieder stark steigender Fall- zahlenunddemStart eines zweiten Lockdowns Light freuen wir uns in Deutschland zu Recht, dass wir bisher deutlich besser durch die Co- rona-Krise gekommen sind als viele unserer Nachbarn oder auch die USA. War der„deut- sche Weg“ vielleicht gar deshalb so erfolg- reich, weil die Politik hierzulande ein offenes Ohr für dieWissenschaft hatte – und deshalb evidenzbasiert die richtigenMaßnahmen ver- ordnet hat? Das klingt zwar plausibel, doch leider gibt es gerade dafür wenig Evidenz. Vielmehr hat die Wissenschaft bisher kaum belastbare Er- kenntnisse geliefert, ob und welche Maßnah- men (zum Beispiel der Lockdown ) und Szena- rien (beispielsweise ein funktionierendes und gut vorbereitetes Gesundheitssystem) tatsäch- lich wirksamwaren. Das ist tragisch und wirft eher kein gutes Licht auf die Wissenschaft. Denn gerade dieses Wissen würde uns nun wichtige Argumente liefern, was wir tun und was wir besser lassen sollten, um in Herbst undWinter die Intensivstationennicht überlau- fen zu lassen – und uns dabei gleichzeitig ein möglichst normales Leben zu gewährleisten. Bei näherem Hinsehen wird man sogar feststellen müssen, dass es ja auch gar keine evidenzbasierte Beratung der Politik durch die Wissenschaft gegeben hat. Aber halt – haben wir nicht einen Christian Drosten, der die Poli- tik berät und zudemnochWissenschaft in die Breite kommuniziert wie noch keiner zuvor? Dazu eine Physikerin als Kanzlerin, die wichti- ge Treffen mit den Ministerpräsidenten auch schon mal mit Impulsvorträgen von Epide- miologen einleitet. Und überdies einen Ge- sundheitsminister, der zwar von der Ausbil- dung her Bankkaufmann ist, aber rational ar- gumentiert und einer Beratung durch dieWis- senschaft gegenüber aufgeschlossen scheint? Reicht das nicht? Ich fürchte: Nein! Ohne Ausnahme betonen Politiker in allen Ländern, von Albanien bis Zypern (USA einge- schlossen), dass ihre Corona-Maßnahmen auf „Best available Science“ beruhen. Aber wer ent- scheidet denn, welches diese beste verfügba- re wissenschaftliche Evidenz im Einzelfall sein soll? Natürlich die Politik selbst. Schließlich fol- gen die Bewertung, Priorisierung undVerwen- dung wissenschaftlicher Evidenz stets einem politischen Kalkül – also unter Einbeziehung anderer staatlicher Interessen wie beispiels- weise dem Funktionieren derWirtschaft. Und dazu kommt natürlich immer auch der Blick auf dieWahlbarometer. Man könnte das Gan- ze also frei nach Darwin als „Political Selection: The Survival of the Ideas that fit“ bezeichnen. Außerdem, wie identifiziert man denn die Best available Science insbesondere in Zeiten, in denen der schon vorher beeindruckende wissenschaftliche Müllberg durch „Covidiza- tion“ noch weiter anschwillt? In denen durch die Inflation von hastig produzierten, teilweise per Pressekonferenz kommunizierten Ergeb- nissen eineTrennung von Signal undRauschen immer schwerer wird – und Evidenzsynthese schon deswegen zum Scheitern verurteilt ist. Denn wo man Müll oben reinsteckt, kommt unten auch wieder Müll raus. Dies wird auch begünstigt durch einen Research Exceptionalism , der sich in den letz- ten Monaten rasant ausgebreitet hat – und dessen Maxime lautet: In Zeiten einer Pan- demie sind schlechte Daten besser als keine Daten. Und so testen derzeit mehr als tau- send klinische Studien, welche Therapien ge- gen COVID-19 helfen könnten – Tendenz ex- ponentiell steigend. Die meisten dieser Stu- dien werden allerdings nie brauchbare Resul- tate liefern – aber davon im nächstenWissen- schaftsnarren mehr... Wissenschaft berät Politik oder Survival of the Ideas that fit Einsichten eines Wissenschaftsnarren (33) »Der Wissenschaft gegenüber aufgeschlossen zu sein, reicht nicht aus!« Warum haben wir in den zurücklie- genden Monaten nicht versucht, sys- tematisch die fehlende Evidenz zum bestmöglichen Umgang mit der Co- rona-Pandemie zu generieren? Eine wirklich evidenzbasierte Politikbera- tung durch die Wissenschaft ist so- mit weiterhin nur schwer möglich. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen. »Politikberatung müsste sich an vier Prinzipien halten, die derzeit jedoch keine Beachtung finden.«

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