Laborjournal 2020-12

| 12/2020 18 Serie Drehen wir das Ganze um: Warum geraten Inhalte, Originalität und Verlässlichkeit von Forschungsergebnissen oft zur Nebensache, wenn sich Kommissionen die Köpfe darüber heiß reden, wen man in die eigenen Reihen aufnehmen will – und wen nicht. Oder wenn darüber debattiert wird, welche Anträge es verdienen, gefördert zu werden. Kurzum, fol- gen Sie mir auf eine kurze und unvollständige Geschichte der Mechanismen, mit denenman in Academia heute zu etwas kommt. Vielleicht ergeben sich aus dieser historischen Perspek- tive ja sogar Hinweise, wie wir dem Schlamas- sel, in demwir uns befinden, wieder entkom- men können. Doch ich eile voraus. Beginnen wir dort, wo alles begann: bei den Gründungs- vätern der modernen Wissenschaft. Die frühen Pioniere modernen wissen- schaftlichen Arbeitens wie Galileo, Hooke, Boyle oder Newton waren Gentlemen Scien- tists . Nicht nur waren diese ausnahmslos Män- ner, sie waren auch alle finanziell unabhängig – entweder per Geburt oder durchMäzenaten- tum. Getrieben von der Neugier,„wie dieWelt funktioniert“, war ihr Ziel natürlich nicht nur, Wissen zu produzieren, sondern auch Ruhm und Ehre zu erlangen. Dabei sahen sie den Nutzen des so erworbenenWissens nicht dar- in, die Grundlagen für eine rationalere Aneig- nung der Natur durch denMenschen zu schaf- fen. Weit gefehlt – diesen allesamt tief religi- ösen Herren ging es ganz wesentlich darum, das von Gott geschriebene Buch der Natur und damit die Ordnung der Welt zu dechif- frieren – und am Ende dadurch tieferen Glau- ben und gottesfürchtigeres Verhalten zu be- fördern. Wissenschaft war Gottesdienst. Da- her förderten die Fürsten und Könige damals auch nicht dieWissenschaftler, sondern die Er- finder und Ingenieure, denn nur sie verspra- chen Hilfe dabei, sich die Welt durch Erobe- rung und Krieg Untertan zu machen. Der Umgang, den Newton und Kollegen mit ihrer Konkurrenz pflegten, war allerdings häufig alles andere als Gentleman-like . Schließ- lich ging es um Primat und Posterität. Aus- gangspunkt ihrer Ideen und Hypothesen war das, was dieWissenschaftshistorikerin Lorraine Daston Ground Zero Empiricism nannte. Sie schrieben also auf ein fast leeres Blatt. Die Forscher- Community war sehr über- sichtlich damals. Vielleicht ein paar Hundert, maximal ein paar Tausend Gleichgesinnter weltweit, lose organisiert in Akademien, in denen man sich gegenseitig Theorien und Experimente vorstellte und kritisierte. Publi- ziert wurde neben Büchern hauptsächlich in den Annalen der nationalen wissenschaftli- chen Akademien. Die Royal Society Englands war dabei führend in Geschwindigkeit und Reichweite: Zweimal im Jahr wurden Exempla- re gedruckt, beispielsweise achthundert Stück im Jahr 1829, und an korrespondierende Aka- demien und ausgewählteWissenschaftler ver- sandt. Häufig verging dabei nicht mehr als ein halbes Jahr zwischenVortrag beziehungswei- se Einreichung undVeröffentlichung. Konkur- riert wurde damals natürlich nicht um Stellen oder Forschungsförderung, sondern um Re- putation sowie Zugang zu diesen Akademien und deren internationaler Korrespondenz. Ne- ben der Originalität undGüte derWissenschaft dürften hier sicher auch damals schon Hier- archien, Beziehungen und Machtspiele wich- tig gewesen sein. Mit dem zunehmenden Verständnis des- sen, was dieWelt im Innersten zusammenhält, begann man sich aber auch vermehrt für die Nützlichkeit der wissenschaftlichen Erkennt- nisse zu interessieren. Als sich bürgerliche Ge- sellschaften etablierten und die Industrialisie- rung im 18. und 19. Jahrhundert aufblühte, begannen die Staaten,Wissenschaft systema- tisch zu organisieren – und diese insbeson- dere über Universitäten zu fördern. Maxwell, Pasteur, Virchow und Co. waren universitäre Brotwissenschaftler, die staatlich alimentiert forschten. Auch ihnen ging es nicht umReich- tum, sondern immer noch vorrangig um den Fortschritt desWissens sowie den darüber zu erlangenden Ruhm. Gleichzeitig spezialisierten sich die Wis- senschaften mehr und mehr, Fachjourna- le kamen auf und wurden neben Vorträgen zumwichtigsten Medium des wissenschaftli- chen Diskurses. Noch jedoch kannten sich al- leWissenschaftler eines Gebietes. InWort und Schrift focht manwissenschaftliche Kontrover- Wie konnte es eigentlich so weit kommen? Einsichten eines Wissenschaftsnarren (34) »Es galt, das von Gott geschriebe- ne Buch der Natur zu dechiffrieren. Wissenschaft war Gottesdienst.« COVID? Trump? Nein, diesmal soll es – auch zur vorweihnachtlichen Ent- spannung – um die Frage gehen, wieso heutzutage wissenschaftliche Karrieren ganz wesentlich vom Jour- nal Impact Factor (JIF) sowie der Ein- werbung möglichst vieler Drittmittel abhängen. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen.

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