Laborjournal 2021-01

| 1-2/2021 22 Serie Wissenschaft verschlingt massiv gesellschaftliche Ressourcen, nicht nur finanzielle. Insbesondere für die akademische Forschung, die sich selbst verwaltet und sich gerne auf die im Grundgesetz veran- kerte Forschungsfreiheit beruft, stellt sich damit die Frage, wie sie die Mittel einteilt, die ihr von der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden. Es gibt keine natürliche Begrenzung, wie viel geforscht werden könnte – aber sehr wohl eine Beschränkung der Mittel, die die Gesellschaft für Forschung einsetzen kann und will. Welche For- schung soll also gefördert, welche Wissenschaftler ins Brot gesetzt werden? Für die Beantwortung dieser zentralen Fragen für den akade- mischen Betrieb haben sich über viele Jahrzehnte gewisse Mecha- nismen evolutionär entwickelt. Diese Mechanismen steuern aber nicht nur die Verteilung der Mittel in und zwischen den Institutio- nen, sondern letztendlich auch die Inhalte und die Qualität der For- schung. Den individuellen Wissenschaftlern, die in der Academia nicht nur ihrem Forscherdrang nachgehen, sondern auch ihren Le- bensunterhalt verdienen, geht dies in Fleisch und Blut über – sie halten das für so etwas wie eine natürliche Ordnung. Die Vertei- lungs- und Leistungsbewertungsmechanismen und die dazugehö- rige Indikatorik bestimmen ihren Tagesablauf samt der Art undWei- se, wie sie forschen, mehr als die tägliche Lektüre von Fachliteratur, der Blick durchs Mikroskop oder Kongressvorträge. Auch wenn das den Wenigsten wirklich bewusst ist. In der letzten Folge (LJ 12/2020: 18-19) hat der Wissenschafts- narr die Frage gestellt, wie sich das heute weltweit etablierte Kar- riere-, Belohnungs- und Begutachtungssystem entwickeln konnte – von den Anfängen der modernen Wissenschaft im 17. Jahrhundert bis heute. Wie es dazu kommen konnte, dass quantitative Indikato- ren wie der Journal-Impact-Factor (JIF) und die Höhe der Drittmit- teleinwerbung bei der Beurteilung von Forschern und deren Anträ- gen eine wichtigere Rolle spielen als die Inhalte, Relevanz oder Qua- lität der Forschung selbst. Frei nach dem Motto: „Sag mir deinen JIF – und ich sage Dir, ob Du ge- oder befördert wirst.“ Dabei stellte sich heraus, dass dieses Beurteilungssystem nur wenige Dekaden alt ist; vermutlich ist erst eine Generation von Wis- senschaftlern komplett in ihm sozialisiert worden. Das System er- wuchs imWesentlichen aus zwei Entwicklungen. Zum einen aus der Industrialisierung und massiven Ausweitung von akademischer For- schung. Diese wiederum ist das Resultat ihres eigenen immensen Erfolgs, aber gleichzeitig auch der mit diesem Erfolg abnehmenden Effizienz von Forschung geschuldet. Denn weil die„Früchte der Er- kenntnis“ immer höher hängen, benötigt es einen immer größeren Einsatz an Forschung, um den Erkenntnisgewinn pro eingesetztem Förderbetrag konstant zu halten, wenn nicht zu steigern. Zusam- mengenommen führt dies zu einer immer weniger beurteilbaren Flut von Forschern, Projekten, Anträgen und Artikeln. Um da noch durchzukommen, benötigen wir einfach und schnell zu erhebende Bewertungskriterien. Am besten welche, die man anwenden kann, ohne sich die Mühe zu machen, die eigentlichen Inhalte der Wissen- schaft zu beurteilen. Die zweite wesentliche Triebfeder der Entstehung des heutigen Beurteilungssystems ist der nachvollziehbare Wunsch nach Vertei- lungsgerechtigkeit. Wir wünschen uns objektive Kriterien, die repro- Back to the Future: Von industrieller zu inhalt- licher Forschungsbewertung Einsichten eines Wissenschaftsnarren (35) Wie effizient kann ein Bewertungssystem sein, dessen Messgrößen sich von den Inhalten, der Relevanz und der Qualität der Forschung verabschiedet haben? Sie haben es gemerkt: Wir sprechen von der schrägen Forschungs- evaluation anhand reiner Zahlen aus bibliometrischen Daten und Drittmitteleinwerbung. Ist solch ein System, das sich weltweit durchgesetzt hat, überhaupt noch re- formierbar? Unser Wissenschaftsnarr meint: Aber sicher! »Wie konnte es kommen, dass das Motto zur Beur- teilung von Forschern lautet: „Sag mir deinen JIF – und ich sage Dir, ob Du ge- oder befördert wirst.“« Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neurologie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biomedical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wissenschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbetrieb so manche Nase zu drehen.

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