Laborjournal 2021-03

| 3/2021 18 Serie Solange die Mehrheit der Bevölkerung nicht immun gegen SARS-CoV-2 ist, muss das Ge- sundheitssystem vor dem Kollaps durch Überlastung mit COVID-19-Patienten ge- schützt werden. Seit einem Jahr erproben wir daher mit einigem Erfolg Maßnahmen, die von verstärktem Händewaschen bis hin zum totalen Lockdown reichen. Dabei wer- den Maßnahmen eingeführt, verschärft, ge- lockert oder abgeschafft, umdannwieder ein- geführt zu werden, … – und so geht’s dahin. Die Politik begründet ihr Vorgehenmit In- zidenzwerten, Auslastung von Krankenhäu- sern, Modellrechnungen und demRat von Ex- perten (siehe hierzu auch den„Wissenschafts- narren“ in LJ 11/2020: 22-24). Unbestritten ha- ben viele dieser (Anti-)Corona-Maßnahmen enorme Plausibilität. Auch ist die Einsicht tri- vial, dass ein totaler Lockdown die Verbrei- tung eines Virus stark einschränken kann. Der ist aber nicht ewig durchzuhalten. Ungemein relevant ist deshalb die Frage, welche der Maß- nahmen aus der Blackbox„Lockdown“Wirkung haben, und bei welchen der Schaden denNut- zen überwiegt. Man könntemit diesemWissen ein evidenzbasiertes Paket von Corona-Maß- nahmen schnüren, das weniger drastisch ist als der Lockdown – aber genauso effektiv. Und nebenbei vielleicht doch so manchen Skepti- ker noch zum Mitmachen bewegen. Deshalb ist die Frage, welche Evidenz wir für dieWirksamkeit einzelner Maßnahmen ha- ben, so wichtig. Aber Vorsicht! Die Frage nach der Evidenz von Corona-Maßnahmen ist inzwi- schen recht gefährlich geworden. Denn man läuft Gefahr, sofort ins Lager der Virus-Leug- ner, Querdenker (was früher eigentlich eher ein Kompliment war) und Rechtsradikalen veror- tet zu werden. Oder man wird gleich als Narr abgestempelt – weshalb das Thema letztlich ja auch in mein Ressort fällt. Und deswegen möchte ich in dieser Sache unsere Aufmerk- samkeit jetzt auf Botswana lenken. Wir haben eine Flut von Studien, die die Wirksamkeit von Corona-Maßnahmenmittels statistischer Modellierung untersuchen – und nicht ganz überraschend zu sehr unterschiedli- chen Ergebnissen kommen. Schließlich führen geringfügige Veränderungen von Modell-Pa- rametern häufig zu ganz anderen Vorhersa- gen. Abgesehen davon, dass sich zudem die Modellierer untereinander ihreModellemadig machen. Und wer von uns würde sich schon zutrauen, deren Qualität, Validität und Prädik- tivität einzuschätzen? Dazu gibt es eine Flut von Beobachtungs- studien, welche die Effekte von Corona-Maß- nahmen zumGegenstand haben. Aber solche Beobachtungsstudien liefern nur schwache Evidenz und erlauben keine kausalen Schluss- folgerungen.Was wir deshalb bräuchten, sind randomisierte und kontrollierte Studien (RCT), in denen spezifische Corona-Maßnahmen als Intervention getestet werden. RCTs sind schließlich der Goldstandard zur Überprüfung therapeutischer Interventionen in der Medizin – und deshalb ganz nebenbei auch die Grund- lage für die Zulassung der Corona-Vakzinen. Nun schätzen Sie mal, wie viele RCTs es bislang gab, die die Wirksamkeit von Social-­ Distancing -Maßnahmen untersucht haben? Ich konnte nur drei finden. Weltweit! Eine in Norwegen, in der den Teilneh- merinnen und Teilnehmern randomisiert die Nutzung von Fitnessstudios erlaubt be- ziehungsweise verboten wurde. Dann die dä- nische„Masken-Studie“, in der das Tragen von Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit unter- sucht wurde – und das zu einer Zeit, in der dies noch nicht Pflicht war. Die Teilnehmer wurden per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt – eine trug Masken, die andere nicht. End- punkt war in beiden skandinavischen Stu- dien, die jeweils mehrere tausend Teilneh- mer rekrutieren konnten, das Auftreten von SARS-CoV-2-Infektionen. Außerdem lief eine sehr interessante In- tervention – Sie haben es sicher schon vermu- tet – tatsächlich in Botswana! Auch dort wur- den die Schulen wegen Corona geschlossen – und umgehend verglich man, ob sich mittels „Low-Tech“-Maßnahmen dennoch ein Lerner- folg erzielen ließe. Hierzu wurden Schülerin- nen und Schüler in die folgenden drei Grup- pen randomisiert: kein Unterricht, täglicher Kontakt mit Lehrkräften via SMS oder dassel- be via Anruf. Dort haben Schüler nämlich kei- ne Smartphones oder Laptops. Von Botswana lernen, heißt im Kampf gegen Corona siegen lernen! Einsichten eines Wissenschaftsnarren (36) Über ein Jahr Corona-Krise. Schät- zen Sie mal, wie viele randomisier- te und kontrollierte Studien in dieser Zeit durchgeführt wurden, die gezielt die Wirksamkeit von Social-Distan- cing -Maßnahmen untersuchten? Der Wissenschaftsnarr hat weltweit ge- rade mal drei gefunden. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen. »Vorsicht! Die Frage nach der Evi- denz von Corona-Maßnahmen ist inzwischen gefährlich geworden.«

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