Laborjournal 2021-03

3/2021 | 7 Nachrichten Je nachQuelle ist einmehr oder weniger großer Anteil der veröffentlichten Ergebnisse biomedi­ zinischer Studien nicht reproduzierbar. Über diese Reproduzierbarkeitskrise, ihre Gründe und vor allem darüber, wie sie überwunden werden kann, wird viel diskutiert. Immer wie­ der genannt: das Stichwort Open Science – also das Offenlegen aller Protokolle und Ergebnisse einschließlich von Rohdaten und dazugehöri­ gen Metadaten. Um die entsprechenden Prinzipien in der Breite bekannter zu machen, haben sich nun acht Akteure, die sich der Open Science ver­ pflichtet fühlen, zum German Reproducibility Network (GRN) zusammengeschlossen. Das de­ zentral organisierte und fächerübergreifende Konsortium agiert deutschlandweit und ist überdies in ein internationales Netzwerk ähnli­ cher Initiativen in Großbritannien, der Schweiz, Australien und der Slowakei eingebunden. Zu den Gründungsmitgliedern des GRN gehört auch das QUEST Center des Berlin Ins- titute of Health (BIH) an der Charité, das 2013 von Ulrich Dirnagl ins Leben gerufen wurde – in erster Linie, um den Nutzen der biomedi­ zinischen Forschung am BIH durch die Verbes­ serung von Qualität, Reproduzierbarkeit, Ver­ allgemeinerbarkeit und Validität zu erhöhen. Vorbild für die Gründung des GRN sei die britische Initiative UK RN gewesen, so Dir­ nagl:„Das UK RN ist der Prototyp, Vorreiter und Vorbild aller Reproducibility Networks . In des­ sen wissenschaftlichen Beirat konnte ich mit­ erleben, welche Dynamik entsteht, wenn ei­ ne Initiative gleichgesinnte Forscher mit den wichtigen Stakeholdern imSystemzusammen­ bringt – also etwa Fördergebern oder Journa­ len – und wenn sich zugleich ganze Universi­ täten über die institutionelle Mitgliedschaft zu den Zielen einer reproduzierbaren und transpa­ renten Wissenschaft bekennen.“ Neben demQUEST und der Berlin Universi- ty Alliance aus TU, FU, HU und Charité sind wei­ tere Gründungsmitglieder des GRN die Deut­ sche Gesellschaft für Psychologie, das Helm­ holtz Open ScienceOffice , die Helmholtz Artifici- al Intelligence Cooperation Unit , das LMU Open Science Center , das ZBW– Leibniz-Informations­ zentrum Wirtschaft und das Netzwerk der Open-Science Initiativen (NOSI). Das GRN sieht seine Aufgaben vor allem dar­ in, Forscher und Instituti­ onen bei der Etablierung von Open-Science -Prakti­ ken zu unterstützen. Au­ ßerdem möchte es ein­ zelne Initiativen zu ei­ nemnationalenNetzwerk verknüpfen und die Open-Science-Commu­ nity gegenüber den Entscheidungsträgern in der Wissenschaftslandschaft vertreten. Felix Schönbrodt, Psychologieprofessor an der LMU und deren Vertreter im GRN fasst zu­ sammen:„Wir sehen drei Ziele der Vernetzung imGRN. Erstens einen Austausch von Kompe­ tenz, Materialien und Erfahrungen – auch mit demZiel, neuen Initiativen Starthilfe zu geben. Zweitens wollen wir offene Fragen zumThema Reproduzierbarkeit wissenschaftlich untersu­ chen. Und drittens gehen wir davon aus, dass sich durch den interdisziplinären Zusammen­ schluss von vielen Akteuren die Sichtbarkeit und auch das politische Gewicht erhöhen.“ Dass Psychologie und Biowissenschaften hier Hand inHandgehen, unterstreicht der Neu­ rologe Dirnagl:„Obzwar es in allen Forschungs­ feldern spezifische Hindernisse gibt, sind die grundsätzlichenAnliegen und Probleme immer wieder die gleichen. Meiner Meinung nach sind die Reproducibility Networks wichtig, weil sie Wissenschaftler zusammenbringen, die unter­ schiedlichen Stakeholder an einen Tisch brin­ gen und Aufmerksamkeit nicht nur für Prob­ leme, sondern auch für Lösungsansätze schaf­ fen können.“ Abschließend macht Dirnagl noch einmal deutlich, dass sich das Wissenschaftssystem grundsätzlich ändern muss, wenn die Repro­ duzierbarkeitskrise überwunden werden soll: „Das größte Hindernis bleibt meines Erach­ tens das Karriere- und Belohnungssystem in der akademischen Wissenschaft, das falsche Anreize setzt. Auch hier können Reproducibi- lity Networks helfen, denn es besteht ja direk­ ter Zugang zu den Unis. Und gemeinsam lässt sich einfacher und wirksamer Lobbyarbeit für einen Systemwechsel machen.“ Larissa Tetsch Fokussiert Inkubiert German Reproducibility Network (GRN) Acht gegen die Krise Bedroht die Corona-Pandemie die freie Grundlagenforschung? Wird sie am Ende Einschränkungen hinnehmen müssen? „Freie Grundlagenforschung kön- nen sich nur Gesellschaften leisten, denen es gut geht.“ Ein hin und wieder geäußer- ter, aber selten wirklich beachteter Satz. Schließlich ist es uns jetzt schon lange gut gegangen, also konnten wir uns auch stets viel freie Grundlagenforschung leisten. Entsprechend ist unser Fördersystem optimiert. Im freien „Wettbewerb der Ideen“ können Forscherinnen und Forscher Pro- jekte ausspinnen und beantragen. Höchs- tens in einigen bestimmten Programmen werden allenfalls sehr breite thematische Klammern vorgegeben – beispielsweise um ein wichtiges neues Forschungsfeld auch hierzulande zu etablieren. Das hat bis jetzt gut funktioniert. Und da die Forschergemeinde sich auch oft ge- nug von alleine für drängende Themen in- teressiert, kam neben der reinen Erkenntnis auch immer wieder etwas Anwendbares mit heraus – gerade in der Medizin. Doch plötzlich geht‘s uns nicht mehr so gut. Und die Corona-Pandemie verlangt von der Forschung so dringend wie nie zu- vor ganz konkrete Antworten auf bohren- de Fragen – nicht zuletzt, um auf deren Ba- sis praktische Entscheidungen für unsere Gesellschaft treffen zu können. Doch hier- bei funktionieren die Förderinstrumen- te der freien Grundlagenforschung offen- bar nur noch suboptimal. Sicher, BMBF und DFG leiten jede Menge ihrer Mittel in Coro- na-Forschung um. Da sie diese aber wie ge- wohnt imWettbewerb ausschreiben, kön- nen sie am Ende nur diejenigen Projekte fördern, die die Forscher ihnen anbieten. Und womöglich sind einige wichtige Pro- jekte dummerweise nicht mit im Angebot. Einfach umschwenken können die For- schungsförderer offensichtlich nicht – und stattdessen klar sagen: „Wir brauchen fol- gende Daten – wer also das Projekt dazu macht, bekommt Geld!“ Könnte darin gar mit eine Ursache für das zu Recht kritisierte Defizit an koordinierter und systematischer Pandemie-Begleitforschung liegen? Und wer weiß heute schon, ob wir nicht weiterhin ein deutliches Mehr an solch dringender Auftragsforschung brauchen werden – und uns daher die freie Grundla- genforschung mit ihren etablierten Förder- strukturen nicht mehr in gewohntemMaße leisten können. Ralf Neumann Illustr.: TED-Ed / M. Anticole

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