Laborjournal 2021-04

| 4/2021 26 Serie Haben Sie einen Fitness-Tracker? Sind Sie auf Twitter oder Facebook und zählen ihre Likes und Follower ? Kennen Sie Ihren ResearchGate- Score ? Achten Sie bei Restaurantbesuchen auf Gault-Millau-Hauben und Michelin-Sterne? Dann sind Sie in guter Gesellschaft, denn Sie betreiben auf verschiedenen Ebenen Reputa- tions-Management mit quantitativen Indika- toren. Genau wie die Universitäten und For- schungsförderer. Nur dass Sie das privat und ganz freiwillig machen! Kürzlich hat sich der Wissenschaftsnarr über zwei Folgen hinweg ausführlich darü- ber Gedanken gemacht, wie es dazu kam, dass wir in unseremheutigenWissenschaftssystem Forschung kaum noch nach deren Origina- lität, Qualität und Einfluss beurteilen – und wie wir stattdessen vielmehr quantitative In- dikatoren wie den Journal-Impact-Factor (JIF) oder die Höhe der Drittmitteleinwerbung be- mühen, um darüber dann Fördermittel oder akademischeTitel zu verteilen ( LJ 12/2020 und 1-2/2021). Auch hatte er ein paar närrische Ideen, wie man das Rad wieder ein Stück in Richtung einer inhaltlichen Bewertung von Forschungsleistungen zurückdrehen könnte. Bei diesen Betrachtungen blieb aber bislang unberücksichtigt, dass sich die Institutionen und Fördergeber in guter Gesellschaft befin- den, wenn sie Wettbewerb und Konkurrenz mit einfachen, abstrakten Messgrößen anfeu- ern – nämlich unserer! Das macht ihnen die Sache natürlich leichter. Und gleichzeitig wird damit der Status quo derart stabilisiert, dass es umso schwieriger wird, ihn zu verändern. Es soll hier also nicht umdie institutionelle, sondern umdie individuelle Seite von quanti- tativer Leistungsbewertung gehen. Das wissenschaftliche Leistungsbewer- tungssystem spiegelt als spezialisierte Ver- laufsform letztlich nur einen gesamtgesell- schaftlichen Quantifizierungskult, der auch vor demPrivaten nicht haltgemacht hat. Denn nicht mehr nur im Beruf dienen Quantifizie- rungen der Herstellung eines Marktes, in dem über denWettbewerbmit Zahlen Leistung ge- messen und gesteigert wird. Individuell geht es dabei um Status, um Reputation. Aus der Notwendigkeit, Artikel in renommierten Journalen zu publizieren (oder einfacher gesagt: in solchen mit hohem JIF), um sich im akademischen System zu halten oder gar aufzusteigen, entwickelt sich das Ma- nagement des persönlichen wissenschaftli- chen Status – nach dem Motto: „Der hat im letzten Jahr zwei Nature -Paper geschrieben!“ oder„Mein h-Index ist über 50“ und so weiter. Objektive wie auch subjektive Unsicher- heit in der Konkurrenz derWissenschaftler un- tereinander erhöhen dabei nur den Wunsch nach Informationen, die den jeweiligen Sta- tus quantifizieren. Daraus hat sich eine Feti- schisierung der Selbst- und Außendarstellung entwickelt, die unter anderem in der Hege und Pflege des Lebenslaufs (nur kein Journal ver- gessen, für das man schon mal ge- reviewed hat!), einer eigenen professionellenWebseite oder eines Twitter-Accounts ausgelebt wird. DasMotto lautet hier vielmehr „LookingGood“ , und nicht mehr „Being Good“ . Ordentliche Graduiertenprogramme bie- ten ihren Studenten mittlerweile Seminare in der Kunst dieser professionellen Selbstdarstel- lung und Selbstoptimierung an. Wir trainieren den Nachwuchs folglich sogar im Statuswett- bewerb – und prämieren Statusstreber. Und der Nachwuchs lehnt sich keineswegs mehr- heitlich dagegen auf, sondern wünscht sich weitere Vertiefung. All dies ist natürlich schon deshalb kaum verwunderlich, da sich Reputations-Manage- ment über quantitative Indikatoren auch im Privatlebenmittlerweile voll durchgesetzt hat. Gerade dieWissenschaft ist von solchenQuan- tifizierungsauswüchsen jedoch auch deshalb besonders betroffen, da wir Wissenschaftler möglicherweise über ein gesteigertes Aner- kennungsbedürfnis samt überdurchschnittli- cher Geltungssucht verfügen. Titel, Top-Pub- likationen, Auszeichnungen, immer der Ers- Boost your Score! – Freiwillige Selbstinszenierung imWett– bewerb der Wissenschaftler Einsichten eines Wissenschaftsnarren (37) Wie oft beschweren wir Forscher uns darüber, dass unser Denken und Urteilen sich immer mehr an Im- pact -Faktoren und anderen Zahlen- metriken ausrichtet – und dass da- durch die Bewertung nach Inhalt und professionellen Standards ver- drängt wird. Dabei sind wir selber schuld. Wir machen das Spiel doch freiwillig mit... »Titel, Top-Publikationen, Aus- zeichnungen, …: Wissenschaftler sind geborene Konkurrenzler.« Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen.

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