Laborjournal 2021-05

| 5/2021 22 Serie Das Zeitalter der Universalgelehrten kehrt zu- rück! Seit etwa einem Jahr eifern Wissen- schaftler da Vinci, Leibniz sowie von Hum- boldt und Co. nach. Virologen äußern sich öf- fentlich wie auch politischen Entscheidungs- trägern gegenüber zur Epidemiologie, Phy- siker zur Infektionsbiologie, Mathematiker zu viralen Oberflächenproteinen und so weiter. Dabei war es doch bisher die Domäne der Narren, ungestraft Späße zu beliebigen The- men zu machen! Auch deshalb erlaube ich mir heute, mich ungeniert der mathemati- schen Modellierung in Zeiten der Pandemie zuzuwenden. Modellierer sind momentan ja sehr ge- fragt. Wir lesen ihre Arbeiten in Nature und Science , man lauscht ihnen bei Markus Lanz und Konsorten, sie beraten Politiker und rech- nen für nationale Akademien. EinWunder ist das nicht, schließlich versprechen ihre For- meln und Modelle nicht weniger als die Auf- klärung komplexer Zusammenhänge. Sie sa- gen uns, was passieren könnte, wenn wir ge- wisse Dinge tun oder lassen. Auch erklären sie uns, welche Maßnahmen zur Pandemie- bekämpfungwirksamsind – undwelche nicht. Häufig mahnen sie und belegen ihre eigenen Empfehlungen mit konkreten Zahlen. Genauso wünscht man sich doch Hand- reichungen aus der Wissenschaft. Die Politik bekommt Argumente für ihre Entscheidun- gen – und Bürger sehen ein, warumdie Schu- le schließen muss oder das Geschäft die Türe wieder öffnen darf. Modellierer sind auf vielen Feldern schon länger recht erfolgreich. Ein Paradebeispiel hierfür ist derWetterbericht. Mit imMittel etwa siebzig Prozent Treffsicherheit gelingt es den Meteorologen, das Wetter der nächsten sie- ben Tagen vorherzusagen. In die Modelle, die auf Supercomputern gerechnet werden, ge- hen unzählige Messungen ein, die das atmo- sphärische Geschehen vom Boden bis viele Kilometer in die Höhe abbilden. Ihre Rech- nungen berücksichtigen die Temperatur- und Strömungsdynamik der großen Gewässer und sogar die fluktuierenden Bahnen von Mond und Sonne. All dies mit höchster Messgenau- igkeit. Möglich wird eine Wettervorhersage mit solcher Treffsicherheit aber nur, weil die meteorologischen Zusammenhänge von ver- schiedenen Temperaturen und Drücken so- wieWind-,Wasser- und Planetenbewegungen durch internationalewissenschaftliche Koope- rationen bereits lange untersucht und mitt- lerweile recht gut verstanden werden. Ein anderes schönes Beispiel für erfolg- reiche Modellierungen kommt aus der Geo- physik. Ausbrüche von Vulkanen lassen sich überraschend gut vorhersagen, wie zuletzt bewiesen beimFagradalsfjall-Vulkan in Island. Auch diese Vorhersagen beruhen auf einer Vielzahl von exakten seismologischen bezie- hungsweise Satelliten-Messungen, auf zumin- dest teilweise verstandenen Mechanismen vulkanischer Aktivität sowie schließlich auf jahrelanger Optimierung der Modelle. Aber selbst diese Modellierer liegen oft daneben. Dann ärgern wir uns, vor dem Re- gen nicht gewarnt worden zu sein. Und so mancher Vulkan will trotz eindringlicherWar- nungen einfach nicht ausbrechen. Wie aber steht es angesichts dessen um die Vorhersagekraft und somit um die Nütz- lichkeit der so allgegenwärtigenModellierun- gen in der Pandemie? Leider gibt es mittler- weile eine Menge Hinweise darauf, dass es damit nicht zum Besten steht. Die Modellie- rer sind offensichtlich so sehr mit dem Gene- rieren neuer Modelle beschäftigt, dass sie kaum dazu kommen, die Güte und das Ein- treten ihrer Vorhersagen zu analysieren. Dies hat man offensichtlich den Journa- listen überlassen. So analysiert etwa ein Artikel in der Tages- zeitung DieWelt (Literaturzitate wie immer bei http://dirnagl.com/lj ) die wichtigsten Vorher- sagen aus demUmfeld von Deutschlands pro- minentester Modelliererin, Viola Priesemann Politikberatung, bis der Elefant mit dem Rüssel wackelt! Einsichten eines Wissenschaftsnarren (38) Mathematische Modellierungen sind in diesen Zeiten der Corona-Pande- mie sehr gefragt. Allerdings lassen die Vorhersagen aus den entspre- chenden Modellen oftmals sehr zu wünschen übrig, weswegen es nach- folgend auch mit deren konkretem Eintreten hapert. Kein Wunder, wenn sie derart auf schlechten oder gar nicht vorhandenen Daten basieren – letztlich also auf bloßen Annahmen. »Wie bei Horoskopen passten die vagen Schlussfolgerungen damit zu jedem Verlauf.« Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro­ logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome­ dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis­ senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe­ trieb so manche Nase zu drehen.

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