Laborjournal 2020-9

| 9/2020 12 Hintergrund Im Durchschnitt dauert es 10,7 Jahre bis zur behördlichen Zulassung eines Impfstoffkan- didaten ( PLoS One , doi: 10.1371 /journal.po - ne.0057755). Bisheriger Rekordhalter ist der Mumps-Impfstoff mit nur vier Jahren Ent- wicklungszeit. Die Kombinationsimpfstoffe der Kinderheilkunde brauchten dagegen zehn bis zwölf Jahre. Mit den Vakzinen gegen Papil- lom- und Rotaviren dauerte es fünfzehn Jahre, auf diejenigen gegen Varizellen und Influen- za mussten wir gar dreißig Jahre warten. Ge- gen Hepatitis-C-, HI- und Dengue-Viren sowie gegen Plasmodium- Stämme und Mycobacteri- um tuberculosis gibt es auch nach dreißig Jah- ren noch immer keine Impfungen. Eine SARS- CoV-2-Vakzine soll hingegen nach nur zwölf bis achtzehn Monaten Entwicklungszeit zur Ver- fügung stehen... Dieses ehrgeizige Ziel verfolgen zweihun- dert Arbeitsgruppen in Universitäten, For- schungseinrichtungen und Biotech-Firmen. Eine Handvoll ihrer Impfstoffkandidaten hat es bereits in klinische Phase 3 geschafft. Ast- raZenecas AZD1222 beispielsweise, für das der Pharmakonzern in Kooperationmit der Univer- sität Oxford die DNA-Sequenz des SARS-CoV- 2-Spike-Proteins (S) in den nicht replizieren- den Adenovirus-Vektor ChAdOx1 einbrachte, wird seit Juni 2020 in Großbritannien, Brasili- en und Südafrika in klinischen Phase-3-Studien getestet. Bereits ab Ende 2020 sollen bis zu 400 Millionen Dosen davon ausgeliefert werden. Grünes Licht für Phase 3 erhielt ebenso CanSino Biologics’Impfstoffkandidat Ad5-nCoV. Wie diemeistenMitbewerber enthält auch des- sen Adenovirus-Vektor die genetische Infor- mation des S-Proteins. Tausende Freiwillige des chinesischen Militärs testen gegenwärtig dessen Effizienz. Am 11. August verkündet derweil Russ- lands Präsident Wladimir Putin die„Registrie- rung“ (quasi eine Art Notfallzulassung) eines SARS-CoV-2-Impfstoffs mit demNamen Sput- nik V, beziehungsweise Gam-COVID-Vac. Der Vektorimpfstoff, entwickelt im Gamaleya-Ins- titut in Moskau, soll laut seiner Registrierungs- bescheinigung vom Gesundheitsministerium der Russischen Föderation am 1. Januar 2021 in den zivilenVerkehr eingeführt werden – ob- wohl umfangreiche Daten aus Phase-3-Studi- en fehlen. In einer Stellungnahme warnt das Paul-Ehrlich-Institut zusammen mit der Welt- gesundheitsorganisation (WHO) sowie inter- nationalen Expertinnen und Experten vor zu großer Eile bei der Impfstoffzulassung. Laut der Registrierungsbescheinigung von Sput- nik V sollen klinische Tests nach der „Regist- rierung“ folgen. Impfstoff-Marathon Der Vakzine-Kandidat mRNA-1273 der US-Biotechfirma Moderna setzt dagegen auf in vitro transkribierte mRNA des S-Proteins, die als zelleigenes Botenmolekül getarnt die menschliche Proteinsynthese-Maschinerie ka- pern und Immunreaktionen auslösen soll. Auch dieser wird seit Ende Juli 2020 in einer klini- sche Phase-3-Studie evaluiert. Ugur Sahin, CEO der Mainzer Firma BioNTech, erklärt, wieder jahrzehntelangeMara- thonder Impfstoffentwicklung auf ein 4 x 100m Staffelrennen reduziert wird: „Der Schlüssel heißt Parallelisierung. Wir entwickeln unser mRNA-Vakzin BNT162 in Rekordzeit, indemwir sicherstellen, dass der Entwicklungsprozess un- unterbrochenmit maximaler Geschwindigkeit läuft. Dazu gehört auch, dass wir Informatio- nen aus verschiedenen Quellen nicht wie üb- licherweise sequenziell, sondern koordiniert parallel erheben.“ Sechsunddreißig Impfstoffkandidaten gegen SARS-CoV-2 haben es bisher in die klinische Prüfung geschafft. Über einhundert weitere befinden sich in der präklinischen Entwicklung. Laut Pharmabranche sollen sichere Corona-Vakzine 2021 zur Verfügung stehen. Können wir innerhalb der nächsten Monate tatsächlich einen Schutz vor COVID-19 erwarten? Corona-Impfstoffe: Die Ziellinie im Blick?

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