Laborjournal 2021-04

4/2021 | 27 Serie te sein, …: Wir Wissenschaftler sind gebore- ne Konkurrenzler. Außerdem sind Wissenschaftler für die Quantifizierungslogik des Wettbewerbes schon aufgrund ihrer speziellen Natur be- sonders empfänglich. Was messbar ist und in Zahlen ausgedrückt werden kann – das ist transparent, nachvollziehbar, evidenzbasiert, rational, neutral, präzise, einfach, unmittelbar und objektiv vergleichbar. Vermessung gehört zumGrundrepertoire der wissenschaftlichen Methode. So gesehen ist das Zählen beim JIF und h-Index, aber eben auch bei Gault-Millau- Hauben oder Twitter- Followern gar nicht mal soweit weg von der wissenschaftlichen Praxis. Aber ist das nicht harmlos? Ja vielleicht sogar nützlich, da die Wissenschaftler sich auf diese Weise stetig selbst und unterein- ander anstacheln – und daraufhin forscheri- sche Großtaten vollbringen? Ich fürchte: Nein! Weil jede Quantifizierung durch Abstraktion vereinfacht. Eine Qualität („Was?“) wird in ei- ne Quantität („Wie viel?“) transformiert. Unver- gleichbares wird plötzlich vergleichbar, sogar die sprichwörtlichen Äpfel mit den Birnen! Es gilt nun ein gemeinsamer Maßstab für unter- schiedliche Dinge. Herr Dr. Maier und Frau Dr. Müller können sich jetzt direkt vergleichen. Über den kumulativen JIF oder den h-Index, über ResearchGate oder den Altmetric Score . Gerade die letzten beiden sindwunderba- re, aber auch traurige Beispiele für den Kern des Problems. Impact wird als „Aufmerksam- keit“ verstanden. Folglich stehen hier nicht ori- ginelle Hypothesen, neue Erkenntnisse oder gar wissenschaftlicher oder gesellschaftlicher Nutzen im Zentrum, sondern schlichte Sicht- barkeit und Popularität. ResearchGate fordert seine Nutzer etwa auf: „Boost Your Score“ . Da- bei legt ResearchGate gar nicht offen, wie der Score berechnet wird. Ob er reproduzierbar ist, oder was er eigentlich aussagen soll. Das macht aber eigentlich nichts, denn schließlich produziert er eine Zahl – und über diese kann man sich vergleichen und miteinander kon- kurrieren. Die Folge: Unser Denken und Ur- teilen richtet sich dadurch mehr und mehr an solcher Indikatorik aus – und verdrängt dabei professionelle Standards und Inhalte. Wer die Hyperkompetition im System – das „Publish or Perish“ – kritisiert und die Ins- titutionen zum Umsteuern auffordert, muss sich deshalb auch an die eigene Nase fassen. Wir beteiligen uns freiwillig und mit großem Eifer an einer Vielzahl von – teilweise privaten – Spielarten der Konkurrenz, die mittels kar- ger, vomGegenstand getrennter Zahlen aus- getragen werden. Dazu passt, dass wir uns vor allem dann so richtig aufregen, wenn wir mit den eige- nen Zahlen – unserem Ranking also – nicht zufrieden sind. Denn korreliert die Zufrieden- heit mit einem Indikator und seiner Berech- nung etwa nicht in denmeisten Fällen sehr gut mit der eigenen Platzierung? Schneidet man nicht gut ab, dann ist der Indikator mutmaß- lich ungeeignet. Und indiesenMomenten hört man dann selbst von bisher nicht als kritisch aufgefallenen Kollegen so manchen wahren Satz zu JIF oder Drittmittelzahlen. Oder man mäkelt amAlgorithmus herum– undwünscht sich eine Formel, bei deren Anwendung man besser dasteht. Wir haben die quantitative und abstrak- te Status-Logik, die uns von den Institutionen aufgedrückt wird, längst verinnerlicht, sie zu einer wichtigen Zielgröße unseres Selbstwert- gefühls gemacht. Wir haben die Indikatoren und Maßstäbe freiwillig übernommen; und weil die Institutionen und die Kollegen ih- nen großen Wert beimessen, tun wir selbst dies mit umso größerer Überzeugung: Con- form and perform! Steffen Mau, der in seinem lesenswerten Buch„Das metrische Wir – Über die Quantifi- zierung des Sozialen“ diese Umtriebe aus so- zialwissenschaftlicher Perspektive ausführlich analysiert, weist am Anfang seines Traktates darauf hin, dass imDeutschen schon das Verb „vermessen“ eine Vorahnung auf Schlimmes enthält: „Vermessen“ meint ja nicht nur den Vergleichmit einemMaßstab, sondern bedeu- tet auch„falsch messen“ sowie„überheblich“ beziehungsweise „anmaßend“. Der falsche Maßstab, der Reflex auf die Reputation und letztlich das Setzen von falschen Anreizen – alles das nimmt die deutsche Sprache da schon vorweg! Weiterführende Literatur und Links finden sich wie immer unter: http://dirnagl.com/lj Sämtliche Folgen der „Einsichten eines Wissenschaftsnarren“ gibt es unter www.laborjournal.de/rubric/narr »Nicht Erkenntnis oder Nut- zen stehen im Zentrum, sondern Sichtbarkeit und Popularität.« »‘Vermessen‘ bedeutet auch ‚falsch messen‘ – sowie ‚überheb- lich‘ oder ‚anmaßend‘.«

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