Laborjournal 2021-04

4/2021 | 7 NACHRICHTEN Bei allen Fahrplänen, wie wir sukzessive aus der Corona-Krise wieder herauskommen könnten, rangiert der Präsenzbetrieb an den Hochschu- len weit hinten. Die Studierenden sind jung, und auch das„Lehrpersonal“ findet sich mehr- heitlich nicht in den Prioritätsgruppen – in der Impfschlange dürften sie demnach ziemlich am Ende stehen. Und auch sonst werden bis- lang kaum umfassende Konzepte diskutiert, wie man während der Pandemie wenigstens teilweise eine verantwortungsvolle Präsenz- lehre an den Hochschulen realisieren könnte. Vor einigen Wochen starteten daher Stu- dierende verschiedener Berliner Hochschu- len die Initiative #NichtNurOnline , um auf die zunehmende „Verödung der Universität“ auf- merksam zu machen. In einem Offenen Brief an den Senat und an alle Berliner Hochschul- leitungen prangern sie an:„Die Selbstverständ- lichkeit, mit der die Universitäten geschlossen gehalten werden, entbehrt jeder Rechtferti- gung.“ Und sie rechnen vor: „Mit mindestens drei Semestern im Homeoffice sehen wir den gesellschaftlichen Bildungsauftrag der Hoch- schulen gefährdet. Dennwer ausschließlich on- line studiert, hat nicht wirklich studiert.“ Anfang März erhob auch die Hochschul- rektorenkonferenz (HRK) ihre Stimme. So for- dert deren Präsident Peter-André Alt in einer Stellungnahme von der Politik, die Hochschu- len stärker in die Teststrategien einzubeziehen und zielgerichtete Impfkampagnen zu entwi- ckeln. MitteMärz zog der Deutsche Hochschul- verband (DHV) nach. Die Hochschulen seien bei den bisherigen Corona-Gipfeln schlichtweg nicht vorgekommen, beschwerte sichDHV-Prä- sident Bernhard Kempen in dessen Stellung- nahme. „Das muss sich ändern. Nach über ei- nemJahr Coronamüssenwir aus der Duldungs- starre raus. Auch die Hochschulen brauchen dringend eine Perspektive.“ „Priorität haben die Veranstaltungen, die in digitaler Form nicht oder nur unter erhebli- chemAufwandoder Einbußen realisiert werden können“, ergänzte Alt.„Dazu zählten vor allem Labor- und sonstige praktische Übungen so- wie entsprechende Prüfungen.“Wovon natür- lich insbesondere die naturwissenschaftlichen Studiengänge und die Medizin betroffen sind. So nennt die DHV-Stellungnahme denn auch die „vorrangige Öffnung von Laboren und Bibliotheken“ als einenwichtigen Baustein eines möglichen Öffnungskonzepts – natür- lich unter konsequenter Umsetzung von Hy- gienestandards, aber auch unter Anwendung kostenlos bereitgestellter Schnelltests. Grundsätzlich sähe der DHV die Steuerung der Präsenzzulassung von Teilen des Hoch- schulbetriebs nach den örtlichen Inzidenzwer- ten gerne in größerer Eigenverantwortung der Universitäten. Darüberhinaus regt Kempen an, „die Gruppe derWissenschaftlerinnen undWis- senschaftler wie auch die Universitätsangestell- ten mit Blick auf ihre Lehr- und Betreuungs- aufgaben in der Coronavirus-Impfverordnung des Bundes mit der Gruppe der Lehrerinnen und Lehrer gleichzustellen“ – und die Hoch- schulen entsprechend für geimpfte Mitglie- der zu öffnen. Antworten aus der Politik wurden offiziell keine bekannt. Man hört bislang nicht einmal, dass sie„daran arbeiten“ würde. Immerhin sind einige wenige Unis schon dabei, in Eigenre- gie Schnelltests für die Teilnahme an Präsenz- prüfungen und Laborpraktika anzubieten – so beispielsweise die Uni Magdeburg, die Hoch- schule Bremerhaven und die Uni Heidelberg. Flächendeckende und einheitliche Konzepte fehlen jedoch weiterhin. Ein zu langes Zögern könnte sich allerdings langfristig durchaus rächen. Die gesundheitli- chen, gesellschaftlichen, politischen und wirt- schaftlichen Folgen der Corona-Pandemie wer- den uns noch lange darüber hinaus beschäfti- gen – und die Leute, die dann all die entstan- denen Scherben federführend zusammenkeh- ren müssen, sind vor allem die Studierenden von heute. Folglich würden wir uns allen einen großen Gefallen tun, wenn wir sämtliche in der Pandemie vertretbarenMaßnahmen ergreifen, um ihnen schon jetzt eine Ausbildung in der angesichts der Umstände bestmöglichenWei- se zu ermöglichen. Ralf Neumann Fokussiert Inkubiert Studieren in der Pandemie Mehr Präsenz an den Unis! Kürzlich klagte einer via E-Mail: „Da gibt es etwas, das ich einfach nicht verste- he. Schon vor zwanzig Jahren hörte ich Doktoranden und Postdocs immer wie- der stöhnen, wie schlimm sich das Wissen- schaftssystem entwickelt habe und wie sehr sie unter prekären Arbeitsverhältnis- sen sowie Instituts-Hierarchien und -Platz- hirschen leiden würden. Jetzt sind die meis- ten von ihnen selbst Gruppenleiter, Insti- tuts-Chef oder sogar noch mehr. Aber nichts hat sich geändert, sie verhalten sich heute genauso wie diejenigen, die sie da- mals kritisiert haben – vielleicht sogar noch schlimmer. Dabei sind doch sie es, die heu- te die Dinge tatsächlich ändern könnten, über die sie damals noch so gemeckert ha- ben – wenigstens in ihrem eigenen Umfeld. Da muss man sich schon fragen: Wollen sie das inzwischen vielleicht gar nicht mehr?“ Gute Frage. Eine mögliche Antwort lautet: Sie wollen schon lange etwas an- deres. Stehen für Doktoranden und jun- ge Postdocs anfangs noch Neugier und Er- kenntnisdurst im Vordergrund ihres For- schungsstrebens, rückt mit zunehmender Zeit ihre eigene prekäre Situation ange- sichts zeitlich befristeter Verträge und För- derungen immer stärker ins Bewusstsein. Mit der Folge, dass die Forschung an sich für Jungforscherinnen und Jungforscher zunehmend seinen Selbstzweck verliert – und stattdessen als „Mittel zum Zweck“ für das eigene Karriere-Management herhal- ten muss. Aufgrund der prekären Situati- on wird das Karriere-Management jedoch zwangsläufig zum Risikomanagement – und der Forscher-Nachwuchs kann es sich daher immer weniger leisten, nur aus reiner Neugier spannenden, aber riskanten Pro- jekten nachzugehen. Das Dumme ist, dass diese Art Karri- ere-Management von diesem Punkt an nicht mehr aufhört – auch an der Spitze der Pyramide nicht. Gut, dort heißt das dann wohl eher „Reputations-Manage- ment“. Aber die Lage bleibt ähnlich hei- kel: Für die Allermeisten fließen die Förder- mittel nur sehr kurzatmig, und der Publi- kations-Strom darf nicht abreißen. Das ist natürlich weiterhin Gift für riskante For- schungsvorhaben, sorgt aber noch für et- was anderes: Man bleibt im System gefan- gen. Und abgesehen davon: Wer ändert schon gerne was an dem System, in dem man es selbst „ganz nach oben“ geschafft hat? Ralf Neumann Foto: Regina Gerlach-Riehl / Uni Marburg

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