Laborjournal 2021-06

| 6/2021 18 Hintergrund Private Genomanalysen werden immer beliebter. Wer dies bei ausländischen Lifestyle-Unternehmen macht, begibt sich allerdings in eine nicht ungefährliche rechtliche Grauzone. Ein Plädoyer für eine umfassende Regulierung sowie adäquate Information und stärkeres Problembewusstsein – samt dem Rat, solche Untersuchungen immer von Experten begleiten zu lassen. Schützt eure genetische Identität! Es ist ein spektakulärer Fall der US-amerika- nischen Kriminalgeschichte: Zwischen 1976 und 1986 begeht ein Serientäter – der „Gol- den State Killer“ – vermutlich 13 Morde und 45 Vergewaltigungen. Den Fahndern gelingt erst 2018 die Festnahme eines dringend Tat- verdächtigen. Ihre Vorgehensweise ist zu die- ser Zeit beispiellos: Basierend auf einer gene- tischen Spur, welche 1980 an einemTatort im kalifornischen Ventura sichergestellt werden konnte, durchsuchen sie die frei zugängliche und kostenlose Datenbank der Analyse-Platt- form GEDmatch mit Sitz in LakeWorth, Florida. Dort spüren sie zwar keine direkten DNA-Spu- ren der verdächtigten Person auf, wohl aber Hinweise auf deren familiäres Umfeld: In GED- match finden sie das Profil eines Cousins, der die Ermittler schließlich ans Ziel führt. So wünschenswert dieser und mehr als siebzig ähnliche Ermittlungserfolge der US-Po- lizei auch seinmögen, werfen sie jedoch auch grundsätzliche Fragen hinsichtlich des rasant wachsenden Marktes für Lifestyle-Genom­ analysen privater Kunden auf. Was bedeutet „genetische Identität“, und wie lässt sich die- se schützen? Welche Art von Informationen kann eine Genomanalyse heute oder in der Zukunft bereithalten? Inwiefern sind Familien- mitglieder und Verwandte durch private Ge- nomanalysen mitbetroffen? Wer eine private Genomanalyse plant, muss sich über Chancen und Risiken im Kla- ren sein. Wer die Angebote in diesem neuen Markt nutzt, muss eine verantwortliche und solidarische Grundhaltung einnehmen. In der Regel wird GEDmatch von Privatper- sonen genutzt, die mit ihrem eigenen geneti- schen Profil nach Verwandten suchen. Diese Seite gehört damit zum Umfeld einer Reihe von DNA-Test-Firmen – wie etwa dem kalifor- nischen 23andMe , demisraelischen MyHeritage oder Ancestry aus Lehi, Utah. Diese neuen Life­ style-Unternehmen benötigen nur einen klei- nenTropfen Speichel, ummit molekularbiolo- gischen Verfahren umfangreiche Informatio- nen zur genetischen Identität zu gewinnen. Von besonderem Interesse sind für vie- le Kunden insbesondere die Suche nach Ver- wandten und Vorfahren, die Vorhersage von Krankheitsrisiken sowie auch die Bestimmung der genetischen Herkunft nach regionalen Be- völkerungsgruppen. Man bezeichnet diese Fir- men auch als Direct-to-Consumer -Unterneh- men, da die Ergebnisse direkt an Kunden wei- tergeleitet werden, ohne dass ein ausgewie- sener Experte hinzugezogen wird. Bei ihren Untersuchungen nutzen diese Firmen den Aufbau des menschlichen Erb- gutes, welches bekanntermaßen wie ein gro- ßes Mosaik aus unzähligen kleinen Steinchen unterschiedlicher Farbe und vielfältigsten Ur- sprungs zusammengesetzt ist. Auch wenn es vielen bekannt ist, wollen wir das noch kurz etwas genauer erklären: Im Zellkern jeder menschlichen Zelle ver- teilen sich diese Fragmente auf insgesamt 23 Chromosomenpaare, jedes Chromosomenpaar besteht dabei aus einer mütterlichen und ei- ner väterlichen Kopie. Bei der Vererbung auf die Nachkommen spielt der Zufall Schicksal: Wie in einer Lotterie wird die Zusammenset- zung undVerteilung der väterlichen undmüt- terlichen Chromosomenpaare ausgewürfelt. Mit der Ausnahme eineiiger Zwillinge, die aus derselben befruchteten Eizelle hervorge- gangen sind, ist aufgrund dieses Zufalls bei der Vererbung väterlicher undmütterlicher Chro- mosomen jeder Mensch in seiner individuel- len genetischen Zusammensetzung einma- lig. Dennoch besteht eine große genetische Ähnlichkeit unter Verwandten. Zwischen ei- nemKind und jedem seiner beiden Eltern be- steht eine hälftige Übereinstimmung, da je- weils eine Hälfte des Erbgutes entweder väter- lichen oder mütterlichen Ursprungs ist. Auch Geschwister teilen sich ungefähr die Hälfte al- ler genomischen Fragmente. Und unter ent- fernteren Verwandten, wie zwischen Großel- tern und Enkelkindern, ist immerhin noch ein Viertel des Erbgutes annähernd identisch. Dies bedeutet letztlich, dass das Genomeines jeden Einzelnen in großen Teilen mit den Genomen seiner Verwandten übereinstimmt. Es existiert quasi ein familiäres„genomisches Kontinuum“. Bei der Ahnenforschung kann man auf- grund von Übereinstimmungen vieler kleiner Genomfragmente folglich auch weit entfernt verwandte Personen identifizieren. Eine Über- einstimmung von einemAchtel aller Genom- fragmente deutet beispielsweise auf eineVer- wandtschaft dritten Grades hin. Die Polizei machte sich bei ihren Ermittlun- gen vor allem diese Art der Datensuche nach Von SALIM SEYFRIED, POTSDAM, UND JEANETTE ERDMANN, LÜBECK »China möchte für ein Zehntel der männlichen Bevölkerung Genomanalysen durchführen.« Illustr.: AdobeStock / Masson

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