Laborjournal 2021-06

| 6/2021 22 Serie Vor nun bald zwanzig Jahren saß ich gemein- sammit fünf anderen Leidensgenossen imVor- raum eines Hörsaals der Medizinischen Fakul- tät der Ludwig-Maximilians Universität Mün- chen. Drinnen tagte der hohe Fakultätsrat. Es galt für uns, die letzte Hürde zur Erlangung der Habilitation zu überwinden: Ein freier Vortrag ohne Hilfsmittel zu einem Thema, das nicht Gegenstand unserer Habilitationsschrift war. Unmittelbar vor mir war ein gestandener Neurochirurgdran. Als solcher war er gewohnt, unter einem Mikroskop Aneurysmen an der Hirnbasis via Clipping abzuklemmen. Er tat dies routiniert, Leben oder Tod seiner Patien- ten lagen dabei in seinen Händen. Jetzt aber war er kaltschweißig, trotz Vorab-Einnahme eines Betablockers. Kurz bevor er an der Rei- he war, wollte er sich aus dem Staubmachen. Er sei zu aufgeregt, er könne weder klar den- ken noch sprechen. Es gelang mir, ihn in letz- ter Minute durch gutes Zureden von seiner Flucht abzubringen.Wankend bewegte er sich in den Hörsaal... Habilitanden wurden damals regelmä- ßig Opfer imGrabenkrieg der Ordinarien. Ihre Scharmützel trugen die Professorenmit harten Bandagen aus. Der Abschuss eines Habilitan- den des Konkurrenten konnte einen Stellungs- vorteil bringen – oder versprach einfach nur süße Rache für eine andernorts durch eben- diesen Konkurrenten erlittene Schmach. Doch meist wurde dann in der nächsten Sitzungmit gleicher Münze heimgezahlt, und einweiterer Habilitand geriet so ins Sperrfeuer. Wir Habili- tandenwaren damit Spielbälle in der ganz nor- malenKonkurrenz der Professorender Fakultät. Der für mein Fach zuständige Ordinarius beruhigte mich in den Wochen vor meinem Vortragdamit, dass er nur nochmit demDekan Tennis spielen müsse – und dabei verlieren. Dann bräuchte ich mir keine Sorgen machen. Und tatsächlich ließ er den Dekan gewinnen – und seither besitze ich die Venia Legendi. Wie recht hatte doch Ernst-Ludwig Win- nacker, ehemals Präsident der DFG, als er die Habilitation im Jahr 2006 als„spätmittelalterli- che Errungenschaft“ sowie als„Herrschaftsin- strument altgedienter Professoren“ bezeich- nete. Der Vortrag vor der hohen Fakultät war somit ein letztes Initiationsritual vor dem Ein- tritt in den Club derer, die auf eine Berufung zum Professor hoffen dürfen. Heute bin auch ich gewähltes Mitglied ei- ner solchen Fakultät und urteile über Vorträge vonHabilitanden. Vermutlich sind diese immer noch sehr aufgeregt, denn auf unerklärliche Weise hat das ganze Verfahren nach wie vor eine bedeutungsschwere akademische Aura. Außerdemwird man ja nochmals„geprüft“ – und das in einem Alter, in dem man norma- lerweise anderen Noten erteilt. Von den Auseinandersetzungen der Ordi- narien und dem dabei fließenden Habilitan- denblut ist heute aber rein gar nichts übrig geblieben. Die Habilitanden benutzen Power­ point und werden für ihre Vorträge gelobt, woraufhin allenfalls noch ein oder zwei artige Fragen folgen. Dann wird gratuliert. Dabei ist es ziemlich egal, welche Qua- lität der Vortrag und die darin dargebotene Wissenschaft hatten. Entsprechend sitzt der Narr dann häufiger dabei und hat den Blick fremdschämend nach unten gerichtet. Immer wieder wird er dort nämlich Zeuge irrgeleite- ter Studiendesigns, offenen Missbrauchs von Statistik, überinterpretierter Ergebnisse sowie meist vollständig fehlender Hinweise auf die Limitationen der vorgestellten Studien. Viele der Vorträge würde man Studenten nicht mal in einem ordentlichen Lab Meeting durchge- hen lassen. Und das wissenschaftliche Niveau der Verteidigungen von Dissertationen ist in derselben Fakultät im Mittel deutlich höher. Hat man sich erst einmal auf denWeg zur Habilitation gemacht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man den Titel „Privatdozent“ auf der Visitenkarte hat. Keiner fällt durch, man muss (in Berlin) mindestens elf Originalartikel als Erst- oder Letztautor geschrieben haben, da- zu Pflichtlehre absolviert und ein bisschen Di- daktik geschnuppert haben. Dann lässt man das Ganze in eine schwarze Kladde binden. Da- von kriegt die Familie ein Exemplar, ein paar kommen in den Bücherschrank – und der Rest wird in einem Karton gelagert, den man ir- gendwann entsorgen wird. Versuchtman ausländischenKollegen klar- zumachen, worum es sich bei der„Habil“ han- delt, wirdmanmeist nicht verstanden und un- gläubig belächelt. Manch ein Habilitand führt den Titel„Privatdozent (PD)“ im internationa- len Lebenslauf daher gleich als„Ph.D.“ Hat zwar Die medizinische Habilitation: Vom professoralen Herrschaftsinstrument zum Jodeldiplom für Chefärzte Einsichten eines Wissenschaftsnarren (39) Die medizinische Habilitation ist eine große Zeit- und Ressourcenver- schwendung. Und noch schlimmer: Sie gaukelt wissenschaftlichen Pro- fessionalismus vor, wo keiner ist. »Wenn der Titelerwerb zum Ziel der Forschung wird, geht es kaum mehr um Erkenntnisgewinn.« Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen.

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