Laborjournal 2021-09

| 9/2021 26 Serie „Das Virus“ hat der biomedizinischen For- schung zu einem Allzeithoch im öffentlichen Interesse verholfen. Man ist voll des Lobes für die Forscher, und abgesehen von einer Min- derheit von Obskuranten vertraut die Bevöl- kerung diesen mehr denn je. Kein Wunder, denn es dauerte nur sagenhafte neun Mo- nate vom Beginn der Pandemie bis zu den ersten Impfungen, und die praktische Anwen- dung der Erkenntnisse der Medizin rettete ei- ner Vielzahl von COVID-19-Patienten das Le- ben. Aber die geneigten Leser dieser Kolum- ne wären enttäuscht, wenn der Narr anlässlich der 4. Corona-Welle seiner schelmischen Rolle nicht gerecht würde. Lassen Siemich also ket- zerisch die Frage stellen: Verdient es die me- dizinischeWissenschaft wirklich, so pauschal über dengrünenKlee gelobt zuwerden? Ist die Wissenschaft für die nächsteWelle – oder gar die nächste Pandemie – optimal aufgestellt? Wie steht es etwa hierzulande umdie ran- domisierten und kontrollierten Studien, die In- terventionen zur Prävention oder Therapie der SARS-CoV-2-Infektion untersuchen? Diese Kö- nigsklasse von klinischen Studien generiert die bestmögliche Evidenz zum Nutzen von Imp- fungen, Maskentragen oder Schulschließun- gen und natürlich auch von COVID-19-Medi- kamenten – aber auch zu deren möglichen Schäden. Es sind diese Studien, die eigentlich die Basis für unsere Reaktion auf den gesund- heitlichenNotstand liefern sollten. Folgerichtig hat die Pandemie weltweit zu einemTsunami solcher Studien geführt. Aber was kommt da- bei raus, wie hoch ist deren Qualität? Ein Team um den klinischen Epidemiolo- gen Lars Hemkens aus Basel hat sich alle welt- weit registrierten klinischen Studien der ersten hundert Tage Pandemie angeschaut – insge- samt über 700. Hemkens et al. fanden, dass die meisten dieser Studien zu wenige Patienten rekrutierten und daher auch keine brauchba- re Evidenz produzierten. Zudemuntersuchten viele Studien ein und dieselbe Intervention. Allein über hundert klinische Studien widme- ten sich derWirksamkeit des Anti-Malaria-Mit- tels Hydroxychloroquin! Hemkens, der übrigens in der letzten La- borjournal -Ausgabe 7-8/2021 (S. 14-15) zu- sammen mit Gerd Antes sehr lesenswert den Unsinn des Begriffs„Präventionsparadox“ auf- spießte, hat sich nun aktuell die klinischen Co- rona-Studien in Deutschland vorgenommen. Lief es bei uns etwa besser als anderswo auf der Welt? Zumindest war Schlimmes zu be- fürchten, kam doch der Wissenschaftsrat be- reits 2018 zu der Einschätzung, dass„gemes- sen an einer leitenden Rolle bei herausragend publizierten klinischen Studien die deutsche Forschung im Vergleich mit wichtigen Refe- renzländern keine internationale Spitzenpo- sition ein[nimmt]“. Wer die etwas verschwur- belten, weil diplomatischen Formulierungen des Wissenschaftsrats kennt, ahnt, dass dies ein vernichtendes Urteil ist. Als Schulnote ent- spricht diese Bewertung der deutschen klini- schen Studien, und zwar insbesondere aus der universitären Medizin, einem„mangelhaft“. Aber vielleicht konnte die hiesige klinische Forschung in der Pandemie ja aufholen, ins- besondere da allein das Bundesforschungs- ministerium (BMBF) mehr als 1,6 Milliarden Euro in die Corona-Forschung investiert hat? Was Hemkens und Co. fanden, war den- noch ernüchternd: Der Anteil der in Deutsch- land geplanten Corona-Studien inklusive der dafür rekrutierten Patienten ist im weltwei- ten Vergleich minimal. Nur weniger als eine Handvoll der Studien, die komplett inDeutsch- land durchgeführt wurden, war bis zum April 2021 abgeschlossen. Die Mehrzahl der Studi- en erreichte nicht die geplanten Teilnehmer- zahlen oder wurde gar abgebrochen. Nur je- der hundertste in Deutschland hospitalisier- te COVID-19-Patient wurde in eine randomi- sierte Studie eingeschlossen! Zudem untersuchte keine einzige regis­ trierte, randomisiert kontrollierte Studie nicht-­ pharmakologische Interventionen, also Maß- nahmen wie Abstandsregel oder Verhalten- seinschränkungen. Auch wurden in Deutsch- land keine Studien in Pflegeheimen, Kinder- gärten, Kindertagesstätten oder Schulen durchgeführt. Aber über diesen Missstand hat sich der Narr ja schon in einer früheren Folge aufgeregt (LJ 3/2021: 18-20). Die Ohrfeige des Wissenschaftsrats hat- te also keinerlei Wirkung! Woran liegt es aber, dass das mit den klinischen Studien mit und ohne Corona in Deutschland so schlecht läuft? Geht es unter pandemischen Bedingungen einfach nicht schneller und besser? Die Ant- wort ist ein klares „Nein“, denn andere Län- der machen es uns vor! Die RECOVERY-Studie der Universität Oxford im Rahmen des engli- schen National Health System wurde in zwei Tagen geplant und schloss innerhalb von zwei Monaten 10.000 Patienten ein. In kürzester Zeit wurde mit smartem Design die Unwirk- samkeit (Lopinavir und Ritonavir, beides An- ti-HIV-Therapeutika) beziehungsweise Wirk- samkeit (Dexamethason) gleichmehrerer Me- dikamente belegt. Allein für RECOVERY ge- lang es, jeden sechsten hospitalisierten CO- VID-19-Patienten in die Studie einzuschließen. Der großen internationalen SOLIDARITY-­ Studie derWHO schloss sich Deutschland erst nach einem halben Jahr an. Die ersten Da- ten, die die Unwirksamkeit von Remdesivir, Hydroxychloroquin, Lopinavir und Interfe- ron beta-1a belegten, waren da schon analy- siert. Aus dem europäischen DisCOVery-Trial unter Federführung des französischen Insti- tut National de la Santé et de la Recherche Médicale (INSERM) blieb Deutschland gleich ganz draußen. Nach hundert Tagen Pandemie waren China, die USA, England, Spanien und Frankreich Spitzenreiter bei denCOVID-19-Stu- dien – Deutschland blieb unter„ferner liefen“. Tu felix Britannia – Notizen aus der deutschen Coronastudien-Provinz Einsichten eines Wissenschaftsnarren (40) »Nur jeder hundertste COVID-19- Patient wurde in eine randomi- sierte Studie eingeschlossen!« Corona hat nichts geändert: Das Ge- samtbild der universitären und In- dustrie-unabhängigen klinischen Studien in Deutschland verdient wei- terhin die Note „mangelhaft“.

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